gerhard burtscher

 

 

maria


Ich saß Nächte lang auf dem alten Hocker und habe dieses Bild angestarrt. Die Aufnahme stammte von dem Tag, an dem das Unglück geschah. Die Kapelle Stofel auf der Alpe Damüls, im Hinteren Bregenzerwald, steht im warmen Licht eines freundlichen Herbstnachmittags.

Wir waren noch drin in der Kapelle und Maria hat mir das Bild ihrer Namenspatronin, „Maria mit dem Kind“, gezeigt. Sie sagte, es hätte eine große Bedeutung für sie. Ihr sei immer, als würde es sie rufen, wenn sie an dieser Stelle vorbeikommt. Wir fühlten mit bloßen Händen die Wärme der grob gearbeiteten Bretter der schmalen Holztüre. Danach haben wir uns auf die Bank vor der Kapelle gesetzt und das Gesicht in die letzten Strahlen der schwächer werdenden Sonne gehalten. Wären wir nur fünf Minuten früher wieder in das Tal hinabgestiegen,  hätten wir vermutlich gar nicht mitgekriegt, dass Gefahr im Verzug ist. Die verrückt gewordenen Tiere wären einfach ins Leere gelaufen, an das andere Ende der Senke.

„Was, um alles in der Welt,“ frage ich mich immer und immer wieder, „was hat Maria nur bewogen, sich der rasenden Herde in den Weg zu stellen?“

Miniatur aus „Berührungen“, 2016